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Smiley Re: "Sozialneiddebatte" ein weiteres Totschlagargument
Hallo Gentilloup,



es freut mich, von Dir ein paar besonnene Worte zu hören. Daher antworte ich noch einmal, obwohl ich mir (leider bereits zum wiederholten Male) vorgenommen habe, mich endgültig von politischen Themen hier im Forum fernzuhalten.



darf ich Dich daran erinneren, daß Du es warst, der mit dem Wort "Sozialneidebatte" die etwas harschen Worte von umwelt erst ausgelöst hat?

Naja. In meinem Posting habe ich um Fakten oder wenigstens um etwas Konkretes gebeten, inwiefern die hier vorgetragene These positive Auswirkungen auf die Gesamtbevölkerung haben könnte. Denn wenn es keine Argumente gibt (und das war hier der Fall), dann bleibt nur ein "Es ändert nichts, aber Hauptsache die Anderen haben weniger" im Raum stehen. Und das ist für mich Sozialneid. Ich bin niemandem böse, der das anders sieht, aber das ist meine Meinung.



Ein weiteres Totschlagargument ist der Vergleich mit den früheren sogenannten sozialistischen Staaten oder man wird als Lafontaine-Freund denunziert. Oder als Gleichmacher. All das ist aber extrem unsachlich.

Auf das Thema "Sachlichkeit" möchte ich im Zusammenhang mit Umwelts Rumpöbelei hier überhaupt nicht eingehen. Den Verweis auf Laffo sollte man an dieser Stelle im Übrigen eher als kleinen Seitenhieb, und weniger als Aussage mit politischem Tiefgang verstehen.



Das mit den Totschlagargumenten ist hingegen schon eine komplexere Sache. Zum einen unterliegen sie einer extremen Subjektivität, da man Thesen, die der eigenen Argumentation dienlich sind, niemals als "Totschlagargumente" bezeichnen würde. Es ist zudem ein Leichtes, sich gegen unliebsame Argumente zu wehren, indem man sie unverzüglich als "Totschlagargumente" abstempelt und dadurch entwertet.

Benutzt man dieses Wort dennoch als Ausgangspunkt einer gedanklichen Spielerei, so muss man feststellen, dass es hier von sog. "Totschlagargumenten" nur so wimmelt:

- Woanders hat es auch höhere Steuern

- Wer viel verdient, kann auch viele Steuern zahlen

- Hoher Verdienst durch Leistung = Propaganda

- etc.

Oder benutze einmal die Forumssuche zum Stichwort "neoliberal". DAS alles niedermähende Holzhammer-Argument schlechthin.



Es hat ja ein reales Wirtschaftsexperiment stattgefunden

Nun ja. Zuerst sollte erwähnt werden, dass auch der Einstiegssteuersatz gesunken ist, und zwar ebenfalls um mehr als 10% (ich glaube, es war von 26% auf 15%). Hier wird ja gerne so getan, als ob die Besserverdiener seit Schröder im Reichtum schwimmen, während der Rest zum Steineklopfen verdonnert worden ist. Weiterhin muss man erkennen, dass dieser Spitzensteuersatz nicht erst bei den so oft erwähnten millionenschweren Managern greift, sondern bereits bei einem anständigen, aber keineswegs königlichen Gehalt. Von daher ist die Aussage, dass diese Steuerreform lediglich den "oberen 10.000" (im übertragenen Sinne) zugute gekommen ist, schlichtweg nicht richtig.



Was die weitere Argumentation betrifft, so kann ich Deine Gedanken nachvollziehen, ich finde aber, dass Du Dich damit auf sehr dünnes Eis begibst.



Arbeitsplatzmäßig hat dies nachweislich keine positiven Effekte gebracht

Das ist von den nackten Zahlen her gesehen vielleicht einleuchtend, zwischen den beiden unabhängigen Tatsachen eine direkte kausale Verbindung herzuleiten, ist allerdings pure Spekulation. Genauso gut könnte man argumentieren, dass die Erhöhung des Kindergeldes keine positiven Effekte gebracht hat, da man das Geld auch für einen höheren Grundsteuerfreibetrag hätte verwenden können. Und mehr Kinder gibt's auch nicht.



Man hätte mit diesem Geschenk an die Sehr-gut-Verdienenden aber auch den Grundsteuerfreibetrag auf 10911 Euro anheben können, was allen Menschen zugute gekommen wäre

Wie gesagt:

- Auch der Einstiegssteuersatz wurde gesenkt

- Nicht nur niedergelassene Zahnärzte zahlen 43% Steuern



Dieses Experiment (und seine möglichen Auswirkungen auf Arbeitsplätze) hat man nicht durchgeführt, obwohl es gute Gründe dafür gab, daß es so rum positive Effekte auf den Arbeitsmarkt (Erhöhung der Nachfrage) gegeben hätte.

Wieder reine Spekulation. Einen erhöhten Cash-Flow hat es durch die Steuervergünstigungen auch so gegeben, leider nur mit mäßigem Erfolg. Und wer sagt, dass ein Wenigverdiener mit mehr Geld in der Tasche mehr ausgibt als ein Besserverdiener (ich vermeide mit Absicht das Wort "Spitzenverdiener)?



Gibt Dir das nicht zu denken?

Inwiefern? Daß rot-grün im Grunde genauso "sozial" war, wie es eine schwarz-gelbe Regierung gewesen wäre?



Wie Du siehst, kann man die gleichen Tatsachen für eine komplett unterschiedliche Argumentation heranziehen.

Was ich abschließend noch loswerden möchte:

- Man mache sich bitte einmal die Tatsache klar, dass Besserverdiener bereits einen größeren Beitrag zum System leisten, in Form von Einkommenssteuer, Rentenversicherung, Krankenversicherung und Soli (ja, ich weiß: ein "Totschlagargument"!). 43% von 40.000 sind nun mal mehr als 30% von 25.000. Und nebenbei werden sie nicht öfter krank, gehen nicht früher in Rente, benutzen die Straßen und öffentlichen Einrichtungen nicht proportional mehr und dürfen in Berlin auch nicht billiger mit der Bahn fahren (was eine lakonische Anspielung auf den Soli sein sollte... sofern sich hier gleich wieder jemand angegriffen fühlt).

- Dein Erlebnis bei dieser Zeitung ist traurig und leider sicher nicht einmalig. Dennoch ist es lediglich eine persönliche Momentaufnahme. Es gibt auch schlecht verdienende Arbeitnehmer, die Sachen aus dem Lager klauen. Und nun?

- Also wer glaubt, daß finanzielle Einkommen beruhe üblicherweise auf persönlicher Leistung, der sitzt purer Propaganda auf. Wieder so eine Verallgemeinerung, die man auf diese Art nicht stehen lassen kann.

- Der Vergleich mit Skandinavien hat mich geärgert. Denn hier werden wieder einmal nur ein paar Argumente und Zahlen aus dem Zusammenhang gerissen (den berühmten "Sozialstaat" gibt es im Übrigen in der höheren Form auch nur in Schweden, der Rest orientiert sich eher an kontinentaleuropäischen Systemen). Richtig ist, dass der Spitzensteuersatz dort höher ist. Falsch ist, dass Wenigerverdiener dadurch mehr Geld besitzen, da ihre Steuern ebenfalls höher sind, und das bei (wenn überhaupt) nur marginal höherem Einkommen. Außerdem kassiert der Staat einen großen Teil des Geldes über Mwst und andere Abgaben, und die sind für alle gleich. Eine Flasche Bacardi kostet 29€ (das tut sie wirklich), für den Chirurgen wie für die Putze. Ist das soziale Gerechtigkeit? Das interessante daran ist, dass die Leute, die das schwedische Steuersystem für gerecht halten, die Leute sind, die bei der geplanten Mwst-Erhöhung hier am lautesten schreien. Where's the point?



Naja, jetzt bin ich doch wieder den ganzen Abend vor der verdammten Flimmerkiste gesessen! Ich lasse mich im Übrigen gerne von sachlichen Argumenten und konstruktiver Kritik beflügeln, nur dumm anpöbeln lassen muss ich mich hier nicht.




Gruß, Michael

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