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Smiley Re: "Stauffenberg" in der ARD. Meinungen dazu?
Beitrag aus dem Tagesanzeiger Von heute in der Schweiz

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« Stauffenberg » – Kein geglückter Auftakt



2004 werden Fernsehzuschauer mit Grossproduktionen zur NS- Zeit zugedeckt. Den Beginn machte die ARD- Dokumentation « Stauffenberg » – und vergab eine Chance.



Von Claudia Kühner



« Öffentlichrechtliche Nazi- Beschwörung » nennt der « Spiegel » , was sich ab jetzt und für den Rest des Jahres in Fernsehen und Kino abspielen wird im Gedenken an das Attentat vom 20. Juli und das Kriegsende im kommenden Jahr. Den Auftakt machte am Mittwoch der Film « Stauffenberg » in der ARD, ab 2. März läuft im ZDF unter dem Titel « Sie wollten Hitler töten » eine vierteilige Dokumentationsreihe des Haushistorikers Guido Knopp über die gesamte Geschichte des Widerstands. Immerhin gab es vor dem 20. Juli 1944 über 40 misslungene Versuche, den Führer zu beseitigen.



Grossaufgebot



Im Sommer legt das ZDF noch mit dem vierteiligen Doku- Drama « Die Stunde der Offiziere » nach. Aber auch Einzelfiguren der NS- Zeit kommen dran: Für das ZDF ist ein « Kleines Fernsehspiel » über Goebbels in Vorbereitung, und Heinrich Breloer ( « Die Manns » ) nimmt sich für ARD und ORF in dreimal 9o Minuten die Beziehung Hitlers zu seinem Architekten und Rüstungsminister Albert Speer vor ( « Speer und Er » ) . Die Dreharbeiten beginnen dieses Wochenende, mit der Rolle von Hitler ist Tobias Moretti betraut ( « Kommissar Rex » ) , und Sebastian Koch, eben noch als Stauffenberg zu sehen, spielt die Rolle von Speer. Ein Fernseh- Monumentalwerk ist da zu erwarten.



Damit noch nicht genug: Fürs Kino dreht Bernd Eichinger « Untergang » , über das Kriegsende, der im September anlaufen soll und nächstes Jahr im Fernsehen gezeigt wird, diesmal mit Bruno Ganz als Hitler. Dazu kommt in diesem Jahr noch eine Fülle von Büchern zu allen möglichen Aspekten des Widerstands.



Einen Vorgeschmack darauf, was uns noch erwartet, gab allein schon der mediale Grosseinsatz vor der Ausstrahlung des Films « Stauffenberg » . Die deutsche Presse berichtete im Voraus, die ARD selber, die einer breiten Kooperation vorstand, gab einen vornehm ausgestatteten Begleitband über die Dreharbeiten heraus.



So weit die Quote ein Kriterium ist – und sie ist es ja – , war der Film ein Erfolg: 7,6 Millionen sahen ihn. Mit der Vorauspropaganda allerdings programmiert man nicht nur Erwartungen, sondern wohl auch Enttäuschungen. Der Film war wenig mehr als ein gekonnt gemachtes minuziöses Abbild jenes 20. Juli, an dem Oberst Stauffenberg sich in Berlin mit einem Sprengstoffpaket in der Mappe ins Flugzeug setzte, nach Ostpreussen flog, wo er im Führerhauptquartier, der « Wolfsschanze » , an einer Lagebesprechung referieren sollte und wo er die Bombe zündete. Wegen einer Zeitverschiebung misslang das Attentat, der Führer überlebte, der von den Verschwörern geplante Umsturz im Reich fiel in sich zusammen. Stauffenberg und einige seiner Mitverschwörer wurden noch in der Nacht in Berlin standrechtlich erschossen oder zum Selbstmord gezwungen. Sebastian Koch als Stauffenberg und Ulrich Tukur als Henning von Tresckow sind die herausragenden Schauspieler der Produktion, aber über das vordergründige Agieren hinaus hat ihnen das Drehbuch nicht viel gelassen. Den Ablauf des Attentatversuchs kennt jeder, der sich auch nur entfernt für Geschichte interessiert und der in Deutschland ein Gymnasium besucht hat. So bleibt nicht aus, dass vieles in dem Film auch vorhersehbar ist. Allerdings verliert er sich vor allem in der zweiten Hälfte – wo es um den Versuch der Attentäter geht, nach der Bombenexplosion den geplanten Staatsstreich von Berlin aus auch wirklich durchzuführen und die Hitler- Anhänger in Uniform kaltzustellen. Ein grosses Durcheinander von Figuren in Wehrmachtsuniform, die aufgeregt durch die Szene laufen und aneinander geraten. Bald weiss man nicht mehr, wer in welches Lager gehört, Namen schwirren durcheinander, die genaue Rolle ihrer Träger im ganzen Drama und erst recht der historische Zusammenhang bleiben vage. Wie sich General Beck erschiesst, sieht man im Detail, aber welche Funktion er bis dahin gespielt hat, kann in einem solchen Setting überhaupt nicht gezeigt werden. Und Beck ist hierfür nur ein Beispiel. All die Namen, von Peter Yorck von Wartenburg über Henning von Tresckow, Fritz- Dietlof von der Schulenburg, Erwin von Witzleben – die so zentralen Männer kommen wohl vor, aber mehr auch nicht.



Nicht mehr als Facetten



Warum nur hat sich Jo Baier, Autor von 70 Dokumentationen und Features, der das Buch schrieb und die Regie führte, damit begnügt? 6o Jahre später und angesichts einer grossen Fülle von Literatur und neuen Erkenntnissen über den Widerstand und seine Figuren wäre es wahrlich ergiebiger gewesen, Stauffenbergs Lebensweg bis hin zu dem Attentat zu verfilmen, der nun weit weniger bekannt ist.



Da begnügt sich Baier mit einigen kurzen Szenen – an der Ostfront begegnet Stauffenberg einer verstörten Jüdin, in Afrika wird er Zeuge, wie ein junger Soldat umkommt, der wie er aus dem Schwäbischen stammt, dazu kommen einige kleinere Szenen mit seiner Frau Nina und den Kindern, die noch die andere zeigen sollen. Und Facetten bleiben es, der Kern bleibt unsichtbar.



Denn nicht nur wäre ein Einblick in die geistige und politische Entwicklung dieses süddeutschen Adligen von einem doch diffusen Anhänger des « neuen » Deutschlands und seines Führers hin zu seinem erbitterten Gegner interessant; Stauffenberg ist auch in mancher Hinsicht prototypisch für viele der Hitler- Gegner aus dem konservativen Lager. Er, der Hölderlin verehrte und ein später Jünger des Dichters Stefan George war, war auch ein leidenschaftlicher Offizier. Als solcher erkannte er früh die Katastrophe und wagte sich weit vor auf der Suche nach Verbündeten.



Nichts davon vermittelt der Film. Man hat etwas gesehen, gelernt nur wenig.

Das Buch zum Film: Gerd R. Ueberschär: Stauffenberg. Der 20. Juli. S. Fischer. 288 S., 34.90 Fr.





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