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Smiley Re: An alle Biologen unter Euch (Crosspost)
>"Kennt ihr einen Produzenten (vorrangig, die in Gewässern leben) die KEIN Licht zum Produzieren brauchen ?"



Jupp. Es gibt Lebensformen, die außerhalb jeglichen Sonnenlichtes leben. Und die Entdeckung dieser Lebensgemeinschaft (mit Tiefsee liegts Du schon sehr richtig :) gleicht einem Krimi, den ich gerne hier erzähle:



Er beginnt zur Jahrhundertwende, 1900. In diesem Jahr entdeckte die Besatzung eines indonesischen Fischerbootes eine seltsame, wurmartige Lebensform in ihren Netzen. Das Tier wurde anatomisch untersucht (es glich in manchen Aspekten einem Anneliden, also einem Ringelwurm und war etwa 1.5 m lang, besaß Tentakel an einem Körperende, besaß aber keinerlei erkennbaren Darm oder After. Die Entdeckung verstaubte für fast 80 Jahre als bizarres Konservat in einer zoologischen Sammlung.



1977 wurden erstmals Tieftauchgänge im Pazifik bis in eine Tiefe von 2600 m durchgeführt - die Technik war endlich soweit, in abyssale Regionen vorzustoßen - in eine Wasserschicht, in die nie ein Sonnenstrahl fällt und die noch nie ein Mensch gesehen hat. Ziel war es, unter anderem geologische Aktivitäten in der Nähe von Unterwasservulkanen ("Black smokers", benannt nach den schwarz gefärbten Säulen von bis zu 300 Grad Celsius heißen Wassers, das bei dem extrem hohen Druck nicht verdampft) zu beobachten. Die Piloten des U-Bootes trauten aber ihren Augen nicht: Was sie sahen, war das hier:





"

Ein Ökosystem in der Nähe einer heißen Tiefseequelle! [Quelle]





In einer Umgebung zwischen höllischer Hitze und arktischer Kälte (Das Umgebungswasser ist außerhalb der heißen Quellen nur 1 Grad kalt) lebt bei einem Wasserdruck, der mühelos Bierdosen zerquetscht, ein ganzes Ökosystem!



Man hatte die Tierklasse der Pogonophora entdeckt. Pogonophoren sind Anneliden, also Ringelwürmer, die sich aber im Laufe der Evolution auf ein Leben in der Nähe heißer Quellen eingerichtet haben. Das Geheimnis ihres Lebens (und warum sie keinen Darm haben) ist ihr reduziertes Darmsystem: Es ist zum Trophosom umgebaut und beherbergt Unmengen an symbiontischen Bakterien, welche die Schwefelverbindungen (v.a. H2S, Schwefelwasserstoff) verstoffwechseln. Mit der Energie aus der Oxidation von H2S fixieren die Bakterien Kohlendioxid, bauen also Nährstoffe wie etwa Zucker auf. Ohne die Hilfe von Sonnenlicht! Pogonophoren besitzen noch eine weitere Anpassung: Für sie ist Schwefel (und seine Verbindungen) nicht giftig. Das Hämoglobin in ihrem Blut kann gleichzeitig Schwefelwasserstoff und Sauerstoff transportieren, wird also nicht, wie das Hämoglobin der Säugetiere, durch Schwefelwasserstoff gehemmt. Im Bild schön zu sehen sind ihre Kiemen, die gut durchblutet sind. Entscheidend ist, das die Bakterien und die Pogonophoren nicht von Sonnenlicht oder von Sinkstoffen aus höheren Schichten leben, sondern allein von dem was die Unterseevulkane absondern. Die Krabben im Bild leben übrigens ihrerseits als Räuber von den Pogonophoren.



Erstaunlich, was es alles gibt, nicht wahr?



Viele Grüße

OHW



Die Fähigkeit eines Tiers Schaden zu stiften, ist proportional zu seiner Intelligenz. Der Mensch hält auch hier die Spitze. [Konrad Lorenz]

In Gedenken an Desirée

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